10/2020 Mit Bauen im Bestand Zukunft gewinnen

Avatar of BEN BEN - 01. Oktober 2020 - Klimaschutz

Neugestaltung Verwaltungsgebäude am Avariaring, München - Andreas Ferstl in Muck Petzet & Partner Architekten, Foto: MPA

Neugestaltung Verwaltungsgebäude am Avariaring, München - Andreas Ferstl in Muck Petzet & Partner Architekten, Foto: MPA

Das ökologischste Haus ist eines, das nicht neu gebaut wurde, sondern schon steht."

                                     Daniel Fuhrhop, Interview bei OEKOM

 

 

Das Corona Virus hat die Menschheit in einen Ausnahmezustand versetzt. Die anhaltende Krise zwingt uns innezuhalten und alte Gewissheiten und Muster kritisch zu hinterfragen. Denn die Pandemie ist kein zufälliges Ereignis. Sie ist verbunden mit der Globalisierung unseres Wirtschaftens und der beschleunigten Lebensweisen. Das Virus hat mit einem Schlag unsere Stärken, aber eben auch unsere Schwächen offengelegt. Darin liegt jetzt die Chance, neue Wege für eine bessere Zukunft einzuschlagen. Entscheidend wird dabei ein starkes Strukturprogramm sein, das sich konsequent an gemeinwohlbasierten Kriterien orientiert. Die Bayerische Architektenkammer setzt sich daher mit Nachdruck dafür ein, dass Konjunkturprogramme, um die mit der Corona–Krise einhergehende tiefgreifende Zäsur zu bewältigen, von einer Qualitätsoffensive getragen werden. Wesentliche Anliegen wie energetische Sanierung, Digitalisierung und Wohnungsbau, die bereits vor der Corona–Krise virulent waren, müssen nun konsequent an qualitativen Kriterien ausgerichtet werden.

Die entscheidende Frage bei allen investiven Maßnahmen wird neben dem „wieviel“ das „wie“ sein.

Vor diesem Hintergrund wird auch ein gesellschaftlich getragener, zukunftsfähiger Umgang mit den gebauten Strukturen immer drängender. Denn Bestandsarchitekturen und -infrastrukturen sind nicht nur kulturell bedeutend, sie verfügen auch über einen ökologischen und ökonomischen Wert, der noch immer unterschätzt wird. Die Bundesregierung hat die Schlüsselrolle des Gebäudesektors bei der Energiewende zwar erkannt und auch ehrgeizige Einsparziele formuliert: Bis 2050 soll der Gebäudesektor klimaneutral sein. Es wird angestrebt, „dass die Gebäude nur noch einen sehr geringen Energiebedarf aufweisen und der verbleibende Energiebedarf überwiegend durch erneuerbare Energien gedeckt wird“. In der Konsequenz dürfen bis spätestens 2050 so gut wie keine fossilen Energieträger im Gebäudebereich mehr verwendet werden und fast alle Wohnungen und Wirtschaftsimmobilien müssten umfangreich saniert werden. Die Umsetzung kommt allerdings nur schleppend voran. Mit einer Sanierungsquote von derzeit ca. 1-2 % bleibt der Gebäudesektor in Deutschland trotz aller Anstrengungen weit hinter den Zielen zurück. Wir müssen uns also erheblich mehr anstrengen und beim Bauen im Bestand noch intelligenter mit Energie und Ressource umgehen. Bei Neubauten und Sanierungen dürfen nicht nur die erzielten energetischen Standards eine Rolle spielen. Ebenso wichtig sind nachhaltige Materialkreisläufe und ein sparsamer Umgang mit Material- und Flächenressourcen. Der derzeit übliche Fokus auf eine möglichst gute technische Performance der Gebäude greift zu kurz und lässt alternative ganzheitliche Gebäudekonzepte und traditionelle Baukunst oftmals unbeachtet. Am Ende soll unsere gebaute Umwelt nicht nur energieeffizient und klimaschonend sein, sondern muss baukulturellen Anforderungen umfassend genügen. Doch wie kann ein nachhaltiger, zukunftsfähiger Umbau unserer Städte und Dörfer bei gleichzeitiger Steigerung der Lebensqualität gelingen? Mögliche Antworten auf diese Frage und wesentliche Leitlinien für den Umgang mit dem Bestand möchten wir in diesem BEN-Blog diskutieren.

Das Beste muss in die Mitte!

Eine der maßgeblichen Aufgaben muss sein, wirkungsvolle Strategien und Instrumente der Innenentwicklung und Nachverdichtung zu etablieren, um dem wachsenden Bedarf an Wohnraum bei gleichzeitiger sparsamer Inanspruchnahme der Ressource „Bauland“ zu begegnen. Die Instandhaltung ortsbildprägender Bausubstanz und die Wiederbelebung leerstehender Gebäude sind wichtige Bausteine für die Entwicklung der Kommunen.

Kulturelles Erbe konservieren – transformieren – interpretieren!

Jeder kennt und schätzt historische Bauten, ebenso wie den Charme alter Stadtviertel und Ortschaften. Baukultur zeigt sich vor allem im sorgsamen Umgang mit dem Bestand. Bestand prägt unsere Heimat. Die Arbeit mit Bestandsstrukturen ist längst zur wichtigsten und spannendsten Aufgabe der Architektur geworden: Es geht um Rückbau, Verkleinerung, um die Revitalisierung, Umnutzung oder Ergänzung des Vorhandenen. Hier gibt es keine Patentrezepte. An jedem Ort muss nach individuell angepassten und nachhaltigen Lösungen gesucht werden.

Bestand nutzen und regenerative Energie erzeugen!

Für den klimaneutralen Gebäudebestand sind Energieeffizienz und die Integration erneuerbarer Energien im einzelnen Gebäude die wesentlichen Eckpfeiler. Langfristige Sanierungsstrategien für den Gebäudebestand und die schrittweise Abkehr von fossilen Heizungs- und Energieversorgungssystemen sind Voraussetzung.

Gebäude sind keine Wegwerfprodukte!

Im Umgang mit dem Bestand wurde bislang regelmäßig verkannt, dass in der Konstruktion bereits ein hohes Maß an sogenannter „grauer“ Energie steckt. Vereinfacht geht es um die Energie, die bereits bei der Erstellung des Gebäudes und bei der Produktion der verwendeten Baustoffe eingesetzt wurde und die sorgsam in allen Überlegungen berücksichtigt werden sollte. Vorausgesetzt, eine Sanierungsmaßnahme soll zu einer verbesserten Gesamtenergiebilanz führen, muss der gesamte Lebenszyklus von Baumaterialien noch stärker in die Praxis der Bauplanung mit einbezogen werden. Baustoffe sind und bleiben Wertstoffe, die gepflegt, unmittelbar weitergenutzt oder recycelt werden sollten. Vor dem stofflichen Recycling sollte immer die Wiederverwertung der Bauprodukte stehen und davor die Weiternutzung des Bestands.

Ganzheitlich planen!

Energieeffizienz ganzheitlich zu planen heißt, weit über das Gebäude hinaus zu denken. Das Quartier, die Stadt, der urbane Lebensraum rücken in den Fokus. Für eine wirkungsvolle Verbesserung der energetischen Gesamtsituation im Gebäudebereich ist der Betrachtungshorizont vom Einzelgebäude zwingend auf das Quartier, das Dorf und auch unsere Kulturlandschaften auszuweiten.

Umbaukultur etablieren!

Viele Gebäude stehen unter enormem Sanierungsdruck. Die Frage, ob diese Gebäude erhalten, umgebaut, erweitert oder abgerissen werden sollen, wird allzu häufig noch ausschließlich unter ökonomischen Aspekten betrachtet. Dabei sollte vor dem Abriss und dem Neubau immer die Umnutzung bestehender Bausubstanz stehen. Erforderlich ist nicht nur ein Umdenken in Fachkreisen, sondern auch in der Bevölkerung, die für baukulturelle Belange und den Wert unseres baulichen Erbes sensibilisiert und begeistert werden muss. Ich bin davon überzeugt, die gebaute Umwelt wird ein Stück lebenswerter und auch widerstandsfähiger sein, wenn wir die genannten Kriterien als „Leitplanken“ für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Gebäudebestand verstehen. Nutzen wir gemeinsam die Chance, unsere gebaute Umwelt ein Stück lebenswerter und auch widerstandsfähiger zu gestalten.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema oder zum nachhaltigen Planen und Bauen? Kontaktieren Sie die „BEN – Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit“ unter www.byak-ben.de / Tel: 089 139880 80

Autorin: Christine Degenhart, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer

Weiterführende Links

Preis Bauen im Bestand:
Link

Konsultation der BAK zur Renovierungswelle für öffentliche und private Gebäude:
Link

BAK Energiewende mit Architekten:
Link

[Die Links wurden zuletzt am 01.10.2020 geprüft]

 

 


Neuer Kommentar

1 Kommentare

Architekt aus Fürth-Ritzmannshof
Dr. Hornstein

16. Oktober 2020

Leserbrief zum Artikel „Mit Bauen im Bestand Zukunft gewinnen“ aus DAB 10-20
Liebe Frau Degenhart, vielen Dank für Ihren hervorragenden Artikel „Mit Bauen im Bestand die Zukunft gewinnen“. Mit Ihrem Appel haben Sie die Zeichen der Zeit und v.a. die Realität erkannt: DEUTSCHLAND IST GEBAUT! Das gilt für den Straßenbau, aber mindestens genauso für den Hochbau. Die bereits bebauten Flächen und der vorhandene Baubestand müssen raumökonomischer und damit ökologischer genutzt werden. Wertschätzender Umgang mit den Resourcen können wir Architekten und Städteplaner von den Baumeistern der Vormoderne wunderbar abschauen. Gebäude sprechen! Historische Gebäude, gerade Alltags- und Gebrauchsarchitektur sagen „Ich wurde gebaut, um zu bleiben!“ Die meisten Gebäude der Neuzeit sagen „Ich bin gebaut, um heute zu gefallen!“ Wenn wir eine 4-Grad-Welt verhindern wollen, braucht es einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel. Mir scheint, dass unsere Zunft noch allzu oft ausschließlich auf die Effizienz- und Technikrevolution im Neubaubereich bzw. auf den „Green Deal“ setzt. Alle ernstzunehmenden Prognosen zeigen aber, dass wir damit das Ziel, 2050 klimaneutral zu werden, alleine niemals erreichen können. Überall, aber v.a. im Bausektor, brauchen wir eine Suffizienzrevolution! Das bedeutet auch eine Beschränkung der Ziele. Was ist heute wirklich wichtig und wesentlich? Was ist nur „nice-to-have“? Die umbau- und sanierungswilligen Bauherren und ihre Architekt*innen brauchen dazu eine wohlwollend fördernde Bauverwaltung, die wiederum durch eine Vereinfachung der völlig überzogenen und kontraproduktiv gewichteten Baugesetze unterstützt wird. Die Anforderungen, die mittlerweile an Umbau, Umnutzung und sinnvolle Nachverdichtung im Bestand gestellt werden, müssen dringend „rückgebaut“ werden! Ich würde mich sehr freuen, wenn sich meine Berufsvertretung in Bund und Ländern stärker für dieses Ziel einsetzten würde!