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Gasteig HP8 Isarphilharmonie
München
Gasteig HP8 Isarphilharmonie;
Foto:
Hans Georg Esch
Innenansicht Halle E;
Foto:
Hans Georg Esch
Grundriss: Isarphilharmonie & Halle E;
Foto:
gmp Architekten
Innenansicht: Halle E;
Foto:
Hans Georg Esch
Modell: Isarphilharmonie & Halle E;
Foto:
Francesco Allegretto
Ostfassade Halle E, 2021;
Foto:
Hans Georg Esch
Saal der Isarphilharmonie;
Foto:
Hans Georg Esch
Detail: Saal der Isarphilharmonie;
Foto:
Hans Georg Esch
Detail: Fuge zwischen Halle E & Konzertsaal;
Foto:
Hans Georg Esch
Ansicht der Nord- und Westfassade (FS-HB-VII-95);
Foto:
Stadtarchiv München
Halle, Blick Richtung Ost (DE-1992-FS-HB-VII-0090);
Foto:
Stadtarchiv München
vorgefundene Situation Ostfassade, 2018;
Foto:
gmp Architekten
Lageplan;
Foto:
gmp Architekten
Gasteig HP8 Isarphilharmonie
Die Isarphilharmonie bildet mit der historischen Halle E das Zentrum des Gasteig HP8. Der Neubau schließt als ‚Zwillingsbau‘ an die umgebaute, denkmalgeschützte Trafohalle an und kombiniert nachhaltige Holzmodulbauweise mit höchsten akustischen Anforderungen. Dies ermöglicht kurze Bauzeiten sowie einfachen Rück- und Wiederaufbau. Drei weitere Modulbauten für die Gasteig-Institutionen Stadtbibliothek, Volkshochschule sowie die Hochschule für Musik und Theater vervollständigen das Ensemble.
Konstruktion, Materialität, Kosten, Freianlagen
Außen prägen Beton- und rote Ziegelfassaden das Bild, innen ein raumhohes, lichtdurchflutetes Atrium mit blauen Brüstungen und umlaufenden Galerien. Eine gläserne Fuge verbindet Alt- und Neubau. Die Stahlkonstruktion des Neubaus umhüllt den innenliegenden Konzertsaal aus Stecksystem aus Vollholz-Elementen. Ein großer Vorplatz inszeniert die Halle E als Zentrum des Quartiers. Budget: 40 Mio. Euro.
Jurybeurteilung
Der Pragmatismus ist bewundernswert, mit dem binnen kürzester Zeit auf einem bisher unbeachteten Industrieareal
zum festgesetzten Preis ideale Voraussetzungen für den vorübergehenden Betrieb von Europas größtem
Kulturzentrum, dem Münchner Gasteig, geschaffen wurden. Unter der Prämisse, dass alles, was für die Philharmoniker,
die Volkshochschule, die Stadtbücherei-Zentrale, die Hochschule für Musik und Theater sowie
weitere Kulturakteure neu gebaut werden muss, auch wieder abgetragen und einer weiteren Verwendung zugeführt
werden kann, ist ein Quartier entstanden, das seine Strahlkraft einer denkmalgeschützten Lagerhalle verdankt.
Die Halle E des Gasteig HP8 Isarphilharmonie prägt den Ort unverwechselbar. Sie ist der Generator des
Quartiers — sie lässt den Betrieb brummen und summen, tanzen und flimmern. Sie bietet Raum für vieles, für
Gleichzeitiges, für Lautes und Leises, High and Low, Spontanes und Konzentriertes. So ein Raum kann nicht neu
gebaut werden, man muss ihn finden und mit viel Möglichkeitssinn zurückhaltend entwickeln. Das ist dem Team um Stephan Schütz von gmp Architekten hervorragend gelungen: Sie machten die alte Trafohalle zur Stadtbücherei,
zum Event-Space und zum luftigen Foyer ihrer Isarphilharmonie, die nach außen als neutrale Gewerbehalle
erscheint, aber einen phänomenal gestalteten Klangkörper birgt. Dass diese Symbiose einmal wieder
aufgelöst werden könnte, ist kaum vorstellbar. Das Ausweichquartier des Gasteigs liegt im Süden des
Münchner Stadtteils Sendling, nahe den Isarauen. Das mächtige Heizkraftwerk Süd auf der gegenüberliegenden
Seite des verkehrsreichen Mittleren Rings prägt das Umfeld. Das 27.000 Quadratmeter große Gelände gehörte
dazu, ist somit im städtischen Besitz. Lager und Werkstätten bilden die unkonventionelle Nachbarschaft des
Kulturzentrums, seit Langem genutzt von Künstlern, Kfz-Mechanikern, einer Schreinerei und einem Reifenhandel.
Halle E wurde als Lagerhalle des Städtischen Elektrizitätswerks Kraftwerk Süd in den Jahren 1926
bis 1929 nach Plänen der im städtischen Hochbauamt tätigen Architekten Hermann Leitendorfer und Fritz Belbo errichtet. Sie ist eng mit der Modernisierungs- und Wachstumsgeschichte der Stadt München verknüpft.
Im zweiten Weltkrieg teilzerstört, wurden Giebel und Dach in vereinfachter Form wiederhergestellt. Jetzt,
nach der umfänglichen Sanierung bildet der markante, über einem hohen Betonsockelgeschoss errichtete
Ziegelbau die erste Adresse im Quartier. In seiner vollen Länge zum Mittleren Ring hin gut sichtbar, durch den
neu geschaffenen Vorplatz zu den Isarauen geöffnet und nach Westen über eine baumbestandene Zone
fußgängerfreundlich an die benachbarten Wohnviertel angeschlossen, sendet das Bauwerk nach allen Seiten
positive Signale. Halle E steht allen offen — ohne Eintritt, ohne Konsumzwang. Alle können die schieren
Dimensionen des auf drei Etagen von Galerien umgebenen Atriums in ihrer Mitte erleben und die Atmosphäre
unter der hohen Lichtdecke genießen. Dabei versprüht der Allraum immer noch den spröden Charme eines strapazierten
Industriebaus. Auf dem Fußboden markieren gelbe und rote Streifen Abstellflächen und Transportwege. Schienen erinnern an die Anlieferung schwerer Güter. Der leuchtend gelbe Lastenkran hält nun die Event- und
Bühnenbeleuchtung. Die blauen Blechbalustraden an den Galerien sind verbeult. Die roten Rohre der Treppengeländer
zeigen Abnutzungen. Die Absturzsicherung übernehmen fest verschraubte, aus Rohren zusammengeschweißte
Rahmen, in die Metallnetze gespannt wurden. Vor den beuligen Balustraden stehen jetzt höhere
Geländer, auf denen man sich wunderbar aufstützen kann, um hinunterzusehen in die quirlige Mitte.
Das Erdgeschoss ist Entree und Foyer sowohl für die Stadtbücherei wie für die Philharmonie. Ticketshop,
Lesecafé, eine lange Bar, ein Kino für internationale Filme und eine Galerie sind dort angesiedelt und halten die
Mitte für (Tanz-)Events frei. Auf den tiefen Seitenemporen hat sich die Stadtbücherei unkonventionell eingerichtet.
Vom frühen Morgen bis um 23.00 Uhr kann jede und jeder dort bequem schmökern, Musik hören, in aller Ruhe
arbeiten oder lernen. Durch die zur Mitte hin weitgehend offen gehaltenen Geschosse wirkt die Bibliothek in den Allraum hinein. Sie ist ganz präsent, wenn die Galerien in den Konzertpausen von 1900 Musikenthusiasten
geflutet werden. In der Glasfuge zwischen dem Baudenkmal und der Konzerthalle führen offene Treppen,
Gänge und Brücken einerseits auf die Galerien der Halle, andererseits auf die Ränge der Philharmonie. Die Besucher
bewegen sich zwischen den schrundigen Beton- und Ziegelmauern und dem gefältelten Holzgehäuse des
Orchesterraums. Dass der Konzertsaal in ein außen liegendes Strahltragwerk eingehängt wurde, kann jeder
sehen, der die Himmelleitern emporgeht. Der Konzertsaal selbst erweist sich als umfassend hölzernes Etui,
in dem Musik aufs Kostbarste geborgen ist. Den edlen Innenraum entwickelte gmp zusammen mit den Tragwerksplanern
Schlaich Bergemann und Partner als Stecksystem aus Vollholzelementen. Die plastische Modulation
erfolgte nach den von Yasuhisa Toyota ermittelten akustischen Erfordernissen. Würde der Saal einmal
nicht mehr gebraucht, könnte er in seine Einzelteile zerlegt, an anderem Ort wieder neu konfiguriert werden. Sollte die Isarphilharmonie jedoch weitaus länger gebraucht werden als ursprünglich für ein „Ausweichquartier“
geplant, dann ziehen die Architekten in Erwägung, die nach rein wirtschaftlichen Kriterien mit handelsüblichen
Fassadenelementen geschaffene Witterungshülle auszutauschen. Aber braucht es ausdrucksstärkere Fassaden
im Kraftwerksumfeld? Die Vitalität des Ortes zeigt, dass anderes zählt. Dieses Andere ist großartig gelungen
und weist Wege in die Zukunft. (Text: Ira Mazzoni, Jurymitglied)
Standort
Hans-Preisinger-Straße 8-16
München
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Preis
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KategorieKategorie 2: 1900 - 1945
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OrtMünchen
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RegierungsbezirkMünchen
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TypologieKultur
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FertigstellungOktober 2021
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Auszeichnungsjahr2025
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Ursprungsbaujahr1926 - 1929
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BauherrGasteig München GmbH , München
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Architektur
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Landschaftsarchitekturrealgrün Landschaftsarchitekten, StuttgartKlaus D. Neumann, Wolf D. Auch
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Denkmal / EnsembleDenkmal
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MaßnahmeBauen im Bestand
- Sanierung/ Umbau/ Revitalisierung
- Anbau/ Erweiterung
- Erhalt/ Denkmalschutz
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Besondere Qualitäten
- Holzbau
- Modulbau