Dieses Licht — diese Klarheit — diese Ruhe — dieser Weitblick! Die Begeisterung für das von Brückner und BrücknerArchitekten umgebaute Diözesanmuseum ist allgemein. Kaum ein Besucher kann sich dem Bann der bis ins kleinste Detail durchdachten Neuinterpretation des strengen Bauwerks entziehen.
Der Domberg von Freising ist topographisch und kulturell ein herausragender Ort. Gerade feierte man dort das 1300-jährige Bistumsjubiläum und damit auch eine genauso lange Tradition des Bauens, Umbauens und Weiterbauens. Mit der konzeptionellen und architektonischen Erneuerung des Diözesanmuseums ist es der Erzdiözese München Freising gelungen, sich weithin sichtbar neu zu positionieren und einem neuen Publikum zu öffnen. Seit 1974 war das Diözesanmuseum, mit seinen über 40.000 Objekten eins der größten religionsgeschichtlichen Museen der Welt, in dem ehemaligen Knabenseminar für Priesteramtskandidaten untergebracht. Der nach Plänen des Münchner Architekten Matthias Berger an der Südkante des Dombergs 1870 errichtete Bau im Gärtner’schen Rundbogenstil atmete immer noch die Atmosphäre klösterlicher Disziplin. Der dreigeschossige, arkadenumstandene Innenhof war mit einer dunklen Holzdecke überspannt. Tageslicht fiel durch hohe, umlaufende Fensterbänder. Der aufwendige hölzerne Dachaufbau war frei bewittert und stark geschädigt.
Das insgesamt reparaturbedürftige Denkmal schränkte die engagierte Museumsarbeit empfindlich ein. Schließlich sorgte mangelnder Brandschutz für die sofortige Schließung der Institution im Jahr 2013. Den folgenden Architekturwettbewerb gewannen Brückner und Brückner mit ihrem Beitrag „Geöffnete Wände“.
Die Architekten haben das Gebäude in einen weithin strahlenden Magneten für kulturell interessierte Menschen verwandelt. Dabei haben sie den Charakter des Bauwerks klassizistisch präzisiert. Nach Wegnahme aller Fensterbrüstungen bestimmen bodentiefe Rundbogenfenster den gleichmäßigen Takt der Fassaden. Die subtile Gestaltung der Putzoberflächen und die scharf nachgezogenen Gesimse geben dem Gebäude eine je nach Sonnenstand fein gezeichnete Textur.
Durch die gläserne Eingangstür fließen bereits sanfte Reflexe des auratischen Ganzfeld-Lichtraums, den James Turrell in der ehemaligen Hauskapelle auf der Südseite des Bauwerks eingerichtet hat. So wird schon an dieser Schwelle die Tiefenwirkung der geöffneten Wände deutlich. Mit ihnen haben die Architekten gestaffelte Raumfolgen geschaffen, die quer durch das ganze Haus großartige Perspektiven ermöglichen und immer wieder Neugierde wecken. Taghell und mit großer Offenheit tritt einem das Museum entgegen. Im Eingangsbereich wurde darauf geachtet, dass keine Garderobe, kein Schließfach den Raum verstellt. Nur halbhoch, lassen die Möbel den Blick frei schweifen.
Herz der Anlage ist der Lichthof, der in Anlehnung an die alte Holzkonstruktion eine streng geometrisch gegliederte Lichtdecke erhalten hat, die durch ein darübergespanntes Glasdach vor Wind und Wetter geschützt ist. Erstmals spielen die Lichtstimmungen der Tages- und Jahreszeiten in das Haus. Und da der Boden des Lichthofs mit changierendem Jura-Kalkstein belegt ist und nur noch in der Mitte ein Teppich des alten Fliesenmosaiks liegt, die Arkaden alle in sanftem Weiß strahlen, wirkt der Raum regelrecht befreiend. Wer dann in den Ausstellungsräumen vor die bodentiefen Fenster tritt und hinaus auf den Domberg, die Stadt, die Landschaft und die Wolken schaut, der könnte meinen, ihm wüchsen Flügel. Möglich wird dieses Erlebnis durch die aufwendig gebauten Kastenfenster, die innen eine zweifache Wärmeschutzverglasung und außen eine fest verglaste, absturzsichere Prallscheibe verbinden. Bei der Wahl der Gläser wurde peinlich darauf geachtet, dass sie ganz klar sind.
Wer schon glaubt, das Haus durchschaut zu haben, der findet im Obergeschoss überraschend einen behaglich ausgestatteten, in dunklem Holz gefassten Lese- und Studienraum — natürlich mit Ausblick. Brückner und Brückner haben insgesamt einen höchst angenehmen, gastfreundlichen Ort geschaffen. Bei jedem Detail bis hin zu den Handläufen an den Treppen spürt man: Es wurde an alles gedacht und gut gemacht. Entsprechend sind das Haus und sein Umgriff auch barrierefrei erschlossen. Energietechnisch geht das Museum neue Wege. Es verzichtet auf fossile Energieträger und nutzt das Grundwasser der Moosachaue, um mit Wärmepumpen bzw. Kältemaschinen die Depots und Ausstellungsräume zu temperieren.
Aus der exponierten Lage auf der Südspitze des Dombergs ergab sich die einmalige Gelegenheit, dort vor dem Kapellenabsis eine Terrasse anzulegen. Bedient von der Gastronomie im Souterrain des Museums, ist dieser Platz
zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. Zumal die Aussicht an bestimmten Tagen bis zu den Alpen reicht. Unterhalb der Terrassen haben die Landschaftsarchitekten von realgrün auch noch einen verschwiegenen
„Philosophenweg“ mit Sitzgelegenheiten geschaffen. So werden die Besucher des Diözesanmuseums immer wieder freundlich überredet, zu bleiben oder unbedingt wiederzukommen.
Das neue, 2022 wiedereröffnete Diözesanmuseum ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie Umbaukultur die Potenziale eines alten Ortes wecken und entwickeln kann. Auf dem Domberg ist im und mit dem Denkmal eine starke Architektur mit klarem Charakter entstanden. Sie steckt den Rahmen für die offenen Diskurse zu den großen Themen der Menschheit, wie sie das Museumsteam um Christoph Kürzeder immer wieder aufs Neue anregt.
(Text: Ira Mazzoni, Jurymitglied)