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Umnutzung und Sanierung Mozart-Areal: Hufeisen
Würzburg
"Backfisch-Aquarium";
Foto:
1957 - Foto Heer
Blick in Ehrenhof/ Hufeisen;
Foto:
GKT&P Architekten
Grundriss Obergeschoss;
Foto:
GKT&P Architekten
Musikhochschule ehem. Turnhalle;
Foto:
Hagen Fotografie
Aula Richtung Bühne;
Foto:
GKT&P Architekten
Aula Richtung Bühne;
Foto:
2021 - Hagen Fotografie
Gesamtanlage - Vorgefundene Situation;
Foto:
2020 - Hagen Fotografie
Gesamtanlage - Ergebnis der Umsetzung;
Foto:
GKT&P Architekten
Treppenanlage;
Foto:
GKT&P Architekten
Schwarzplan/ Lageplan;
Foto:
GKT&P Architekten
Aufgang Treppenhalle;
Foto:
GKT&P Architekten
Musikschule ehem. Gymnastik;
Foto:
Hagen Fotografie
Grundriss Erdgeschoss;
Foto:
GKT&P Architekten
Schnitte mit Teilansichten;
Foto:
GKT&P Architekten
Umnutzung und Sanierung Mozart-Areal: Hufeisen
Die Mozartschule von Rudolf Schlick, 1955-57, herausragendes Beispiel für Neues Bauen der Nachkriegszeit, in unmittelbarer Nähe zur Residenz, sollte abgerissen werden. Ein immer breiter werdendes bürgerschaftliches Engagement und Intervention des BLfD führten 2015 zu Bürgerentscheid und Erhalt. Das Hufeisen wurde für kulturell öffentliche Nutzung (Städtische Sing- und Musikschule, Hochschule für Musik, Mozartfestbüro und kulturelle Veranstaltungen) zeitgemäß aktiviert und denkmalgerecht saniert.
Konstruktion, Materialität, Kosten, Freianlagen
Sensibel wurden die 50er-Jahre-Konstruktionen bewahrt und zugleich die zeitgemäßen Anforderungen durch entsprechende Ertüchtigungen erfüllt. Die vom Stadtrat genehmigten Projektkosten von 16,6 Mio. € wurden im Rahmen der marktüblichen Kostensteigerung - Coronakrise und Ukrainekrieg - und unter Berücksichtigung der gestiegenen Anforderung an das Denkmal mit nationaler Bedeutsamkeit eingehalten.
Jurybeurteilung
„Wenn es ein Gebäude geschafft hat, 50 Jahre zu überstehen, ohne abgerissen zu werden, dann hat es eine echte
Chance zu bleiben“, resümiert der Architekt Rainer Kriebel seine Erfahrungen. Die Mozartschule in Würzburg
hätte diese Chance beinahe nicht bekommen. Seit Anfang der 1990er Jahre war der Abbruch der vielgliedrigen,
„organisch“ strukturierten, großzügig durchgrünten Anlage im Gespräch. Da war die gestaffelte Baugruppe
gerade einmal 35 Jahre alt. Die Stadt wollte sich von dem ehemaligen Mädchengymnasium trennen, das — 1955
auf einem Ruinengrundstück errichtet — für den Aufbruch in eine lichtvolle neue Zeit stand. Zum Raumprogramm
der modernen Schule gehörten insgesamt 22 Klassenzimmer, Chemie-, Physik-, Zeichen- und Musiksaal,
eine große Aula, Turnhalle, Gymnastikraum, lichtdurchflutete Foyers und Treppenhäuser, die zudem mit
anspruchsvollen Wandbildern ausgestattet waren. Bauunterhalt und Renovierung des Stahlbetonskelettbaus
schienen zu teuer. Das große Grundstück in unmittelbarer Nähe zur Würzburger Residenz weckte Hoffnungen auf einträgliche Privatisierungserlöse. Der baukulturelle Wert des 1955 bis
1957 nach den Plänen des Direktors des städtischen Hochbauamts, Rudolf Schlick,
errichteten Schulhauses wurde verkannt. Der Eintragung in die Bayerische Denkmalliste
1995 verweigerte der Würzburger Stadtrat seine Zustimung. 2001 wurde der
Schulbetrieb eingestellt, nachdem das Gymnasium mit der Schönbornschule zusammengelegt
worden war. Fortan gab es vorwiegend schulische Zwischennutzungen,
zuletzt diente die Aula als Programmkino. Der Bauunterhalt wurde auf ein Minimum
reduziert. 2007 beschloss der Stadtrat einstimmig den Abriss der Mozartschule.
Wie in vielen anderen Städten wollte man eine große Einkaufsgalerie gegenüber
der Residenz errichten lassen. Das Bayerische Landesdenkmalamt, die Bayerische Schlösserverwaltung, der Verschönerungsverein und die bereits sehr engagierte Heiner-Reitberger-Stiftung
gingen ins Widerspruchsverfahren. Drei Jahre später gab es einen zweiten Vorstoß vonseiten der Stadt, dann
2012 einen neuen Investorenwettbewerb für einen Komplex aus Geschäften, Hotel, Gastronomie und Wohnungen.
Das Bayerische Amt für Landesdenkmalpflege lehnte entschieden ab. Jetzt formierte sich eine neue Bürgerinitiative
„Rettet das Moz“, vorneweg wieder die Kunsthistorikerin Suse Schmuck, die mit ihrer Bauforschung
die Grundlagen für Vermittlung und Verständnis des Denkmals geschaffen hatte. Kostenlose Führungen,
Gespräche, Aktionen sorgten für Aufmerksamkeit. Schließlich kam es 2015 zum Bürgerentscheid für die Erhaltung
und die öffentliche kulturelle Nutzung des Denkmals. 2018 fasste der Stadtrat den entsprechenden Entschluss
zur Sanierung. Allerdings kam es zur Teilung: Die Hochbauten um den Haupteingang an der Maxstraße gingen
in Erbbaurecht an die VR-Bank und wurden bis 2021 von Oechsner-Architekten generalsaniert. Für die nach Süden zur Hofstraße ausgerichtete, repräsentative Dreiflügelanlage mit der gläsernen
Aula im Zentrum fand sich schließlich eine verwaltungstechnisch komplexe,
inhaltlich aber überzeugende Lösung: Die städtische Sing- und Musikschule, die
Staatliche Musikhochschule und das Mozartfestbüro nutzen jeweils für sie eingerichtete
Räume im Hufeisen. Die Aula wird als öffentlicher Konzert- und Veranstaltungssaal
vom städtischen Eigenbetrieb CTW Congress-Tourismus-Würzburg
verwaltet, der sich auch um Pflege und Sicherheit kümmert. Aber welche
Herausforderung für ein Architekturbüro, das lange vernachlässigte Baudenkmal
einerseits als sensibles Kunstwerk mit allen seinen gestalteten Oberflächen
und filigranen Details zu erhalten, andererseits aber die Anforderungen der neuen Nutzer umzusetzen. Es klingt so selbstverständlich, in einer ehemaligen Schule Räume für frühkindliche Musikerziehung
unterzubringen. Aber was ist mit der Absturzsicherung im offenen Treppenhaus, wenn das schöne
Geländer der elegant geschwungenen, frei tragenden Treppe normtechnisch gar nicht existiert? Welch schöne Idee,
angehende Orchestermusiker und Solistinnen in dem Haus proben zu lassen. Aber wie moduliert man die Akustik
zwischen Glas und ausgefachten Betonskeletten? Wo baut man die gewünschte Anzahl von Übungsräumen ein?
Wie konzipiert man eine Lüftung so, dass die Musizierenden ihr Instrument auch hören können? Architektur
ist Zehnkampf, heißt es. Architektur im Denkmal — zumal in einem von „nationaler Bedeutung“— fordert ungleich
mehr. Auch das Hinterfragen von Normen und Standards. Das Würzburger Architekturbüro Grellmann
Kriebel Teichmann & Partner hat die Herausforderungen glänzend gemeistert. Als großer Glücksfall erwies
sich der Fund der alten Planunterlagen. Mit ihrer Hilfe konnten auch verlorene Bauteile wie die fein profilierten Fensterrahmen von Foyer und Aula in Aluminium nachgearbeitet werden. Wertvolle Unterstützung bekam das
Team auch von der besten Kennerin des Bauwerks, der engagierten Kunsthistorikerin Suse Schmuck. So
besticht das „Hufeisen“ des Mozartareals jetzt durch ein jugendlich frisches, substanziell authentisches Erscheinungsbild.
Die scheinbar über der gläsernen Eingangshalle schwebende Aula kommt wieder uneingeschränkt
zur Geltung. Die neue, zart gegliederte Fensterwand gibt dem Bauwerk viel von seiner ursprünglichen Ästhetik
zurück. Der sonnige Vorhof des „Hufeisens“ öffnet sich einladend zur Hofstraße, auf der Touristen von der
Residenz zum Dom strömen. Wenige Stufen schlagen eine Brücke von der Straße zu dem mit Bruchsteinen
gepflasterten Schulhof, der sich auf dem Dach des ehemaligen Gymnastiksaals befindet. Ein Lichtgraben umgibt
den Hof auf drei Seiten. So war es möglich, den barrierefreien Zugang zum Saalbau unauffällig mit Gittern über
den seitlichen Lichtgraben zu führen. Um die Aufenthaltsqualität auf dem stark besonnten Vorhof zu stärken, bauten die Landschaftsarchitekten von arc.grün Hochbeete für Gräser und Stauden. Anders als der Steinboden
können die intensiv mit Gräsern und Stauden begrünten Substrate Niederschläge auffangen, speichern und
verzögert abgeben. Auch der Lichtgraben wurde so umgebaut, dass er bei Starkregen als Rückhaltebecken
fungieren kann, ganz im Sinne der neuen Wasserstrategie der Stadt Würzburg. Beide Maßnahmen erforderten
besondere Rücksichtnahmen auf den gut erhaltenen Gymnastiksaal, der zum Ensembleraum der Musikschule
umgebaut wurde. Dessen konstruktives Gerüst, ein frühes Verbundträgersystem, musste sichtbar erhalten
werden. Während Foyer, Treppenhalle und Aula trotz vieler notwendiger Anpassungen an heutige Vorschriften
die beschwingte Atmosphäre der 50er Jahre auch in vielen Details bis hin zu den Leuchten bestens
vermitteln, konnte das Raumprogramm der Musikhochschule mit ihren unterschiedlich großen Übungsräumen
auf zwei Etagen in der entkernten Turnhalle untergebracht werden. Für beste Akustik sorgen nicht nur die Decken, sondern auch die eigens entworfenen Schrankmöbel, in die auch die unhörbare Quelllüftung integriert
wurde. Die Jury zeigt sich beeindruckt von der Reaktivierung des „Hufeisens“ im Mozartareal nach
dramatischer Vorgeschichte. (Text: Ira Mazzoni, Jurymitglied)
Standort
Hofstraße 11
Würzburg
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Preis
Staatspreis -
KategorieKategorie 3: 1945 - 1990
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OrtWürzburg
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RegierungsbezirkUnterfranken
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TypologieSchwerpunkt:
Kultur
Mischnutzung:- Kultur
- Verwaltungsbauten
- Ausbildung und Forschung
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FertigstellungSeptember 2024
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Auszeichnungsjahr2025
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Ursprungsbaujahr1957
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BauherrinStadt Würzburg
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ArchitekturGrellmann Kriebel Teichmann & Partner Architekten Diplomingenieure Partnerschaft mbB, WürzburgRainer Kriebel, Christian Teichmann, Steffen Rothenhöfer, Christian Geldner
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Mitarbeit
- Grischa Büttner
- Erik Reitter
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Landschaftsarchitekturarc.grün I landschaftsarchitekten.stadtplaner.gmbh, KitzingenGudrun Rentsch, Thomas Wirth, Ralph Schäffner
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Denkmal / EnsembleDenkmal
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MaßnahmeBauen im Bestand
- Sanierung/ Umbau/ Revitalisierung
- Umnutzung/ Nutzungserweiterung/ Mehrfachnutzung
- Erhalt/ Denkmalschutz
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Besondere Qualitäten
- Kunst am Bau
- 50er Jahre Denkmal mit nationaler Bedeutung