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Position 2

Ein nicht mehr gebrauchter Stadl

Foto: Hirner und Riehl Architekten

Ressourcen: keine unendliche Geschichte

Deutschland ist »gebaut« – jedoch stammen rund zwei Drittel unserer Gebäude aus der Zeit vor den Ölkrisen Ende der 1970er-Jahre, [4] die den entscheidenden Anstoß dazu gaben, beim Planen und Bauen verstärkt über den Energieverbrauch nachzudenken. Erst ein äußerst geringer Anteil der »Altbauten« wurde bisher energetisch saniert. Auch wurde im Umgang mit dem Gebäudebestand bislang regelmäßig verkannt, dass in der Konstruktion bereits ein hohes Maß an gebundener Energie, sogenannter grauer Energie, steckt. Damit muss sorgsam umgegangen werden, soll eine Sanierungsmaßnahme zu einer verbesserten Gesamtenergiebilanz führen. Denn je nach der Bauweise erfordert die Herstellung der Primärkonstruktion und der Gebäudehülle so viel Energie, wie man später für mehrere Jahrzehnte zum Beheizen des Gebäudes benötigt. Gebäude abzureißen und den Bauschutt ohne Wiederverwertung zu entsorgen verursacht erhebliche Verluste an bereits »verbrauchter« Energie, die ursprünglich nötig war, um Baustoffe wie Stahl, Zement und Ziegel energieintensiv unter hohen Temperaturen herzustellen, zu transportieren und einzubauen.

Das heißt, hier ist Konsistenz gefragt: Baustoffe sind und bleiben Wertstoffe, die gepflegt, unmittelbar weitergenutzt oder recycelt werden sollten. Aber selbst das Recycling der Bau- und Abbruchabfälle, die heute immerhin rund 60 Prozent des Abfallaufkommens in Deutschland ausmachen, [5] kostet Energie. Dies verdeutlicht: Gebäude sind keine Wegwerfprodukte – ein Aspekt, der jedem Vorhaben und jeder Konstruktion zugrunde liegen sollte!

Energie- und Stoffströme sind keine losgelösten Einzelphänomene, sondern unterliegen einer Gesamtbetrachtung und müssen in Bezug auf den Lebenszyklus eines Gebäudes im Auge behalten werden: Es gilt, Abfall zu verringern, wiederzuverwenden und materiell umzuformen. Analog zum »Effizienz-Suffizienz-Konsistenz-Modell« als Leitbild für die Zukunftsfähigkeit des Menschen muss die Abfallvermeidungsstrategie lauten: »Reduce – Reuse – Recycle«. 

Vor dem stofflichen Recycling sollte immer die Wiederverwertung der Bauprodukte stehen und davor die Weiternutzung des Bestands.

Auch eine traditionelle Bauweise und die Verwendung von Bauprodukten aus regional nachwachsenden Rohstoffen und solcher mit CO2-neutraler Ökobilanz gehören zu einer sinnvollen Abfallvermeidungsstrategie. Im Klartext heißt dies: Umbau vor Neubau. Und wenn neu gebaut werden muss, ist immer ein sparsamer Umgang mit der Ressource Fläche und Boden geboten. Denn ein maßloser Flächenverbrauch konterkariert mühevoll erarbeitete Energiesparkonzepte. 

Die Regional-, Stadt- und Landschaftsplanung stellen bereits die entscheidenden Weichen für ein ressourcenschonendes Handeln, insbesondere auch im Umgang mit der Ressource Fläche. Eine Zersiedelung des Landschaftsraums durch neue Baugebiete belastet nicht nur Naturraum und Mikroklima. Oftmals gehen zugleich wertvolle Grün- und Erholungsflächen unwiederbringlich verloren, Ortsränder fransen aus, zusätzliche Verkehrsströme und Bodenversiegelungen sind die Folge. 

Monofunktionale Wohn- und Gewerbegebiete wie auch Einkaufszentren an Orts- und Stadträndern können die strukturellen Probleme des ländlichen Raums (Landflucht, Einschränkung der Daseinsvorsorge) verstärken, erzeugen unnötigen Verkehr und rufen im schlimmsten Fall Leerstand im Ortskern hervor. Das Leitbild für ein ressourcenschonendes Vorgehen und Handeln ist daher: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Bestehende Infrastrukturen müssen genutzt und nachverdichtet, die Versiegelung weiterer Flächen muss weitgehend vermieden werden!

Dichte und eine lebendige Funktionsmischung im gewachsenen Ortsbild sind aktiver Klimaschutz und ermöglichen erfahrungsgemäß einen erfolgreichen Umgang mit den Anforderungen der demografischen Entwicklung. Für ältere Menschen, die nur noch eingeschränkt mobil sind, wie auch für junge Familien, Studenten oder wirtschaftlich schwächer Gestellte werden kurze Wege und ortsnahe Versorgungsmöglichkeiten zum Standortvorteil. Umweltfreundliche Mobilität mit guter Anbindung an den ÖPNV, eine gute Infrastruktur im Quartier, traditionelle Bauweisen und der Einsatz von regional verfügbaren Baumaterialien stärken nicht nur die regionale Wirtschaft, sondern entsprechen auch dem Nachhaltigkeitsprinzip und tragen wesentlich zu einer intakten Gesellschaft bei. Bereits Camillo Sitte propagierte 1909 in seinem Werk »Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen«, den Wert bestehender baulicher und städtebaulicher Strukturen zu erkennen und diese sinnvoll weiterzuentwickeln. [6] Hierzu gehört inzwischen auch, die vorhandene Bausubstanz in eine umfassende Energie-, CO2- und Ressourcenbilanz mit einzubeziehen.

Zielrichtung eines zukunftsorientierten Handelns muss es sein, optimale Lebensgrundlagen für heutige und nachfolgende Generationen zu sichern. Nicht zuletzt Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Architekten und Innenarchitekten verantworten diese Entwicklung.

[4] www.statistikportal.de
[5] Statistisches Bundesamt 2012, Download der Grafik: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, www.bmub.bund.de/P2218/
[6] Sitte, C. (1909): Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg 1983

Lebenszyklusphasen und Einflussmöglichkeiten bei der Planung, Errichtung und Nutzung von Gebäuden.

Lebenszyklusphasen und Einflussmöglichkeiten bei der Planung, Errichtung und Nutzung von Gebäuden.

nach: »Energieeffizientes Planen und Bauen«, Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, Technische Universität München /»Lebenszyklusanalyse in der Gebäudeplanung«, König, Kohler, Kreißig, Lützkendorf, Detail Green Books

Wohnbau 1958, Modellerneuerung in Holz in München, Kaufmann.Lichtblau.Architekten

Foto: Stefan Müller-Naumann

Quelle: Statistisches Bundesamt, Abfallaufkommen, Wiesbaden

Definition des Begriffs »Lebenszyklus«

Ein Gebäude erfordert über die gesamte Lebensdauer den Einsatz unterschiedlicher Energie- und Materialströme. Dies beginnt bei der Herstellung, dem Transport und Einbau von Baumaterialien. ­Während der Nutzungsphase wird Energie für die Bereitstellung von Wärme und Kälte benötigt, aber auch für die Instandhaltung und Sanierung. Wiederverwendung und Recycling von Materialien reduzieren wiederum den Energieaufwand für die Herstellung. Dazu müssen bereits in der Planung Konstruktionen gewählt werden, die z. B. mit lösbaren Verbindungen eine sortenreine Materialtrennung ermöglichen. Ressourcenschonende Planung von Gebäuden minimiert den Energiebedarf und stellt eine möglichst lange Gebäude- und Lebensdauer sicher.

Quelle:  „Energieeffizientes Planen und Bauen“, Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, Technische Universität München 


Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt- und Verbraucherschutz

Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik